Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind
Hilfen für Kinder mit Asthma, Ekzem oder Heuschnupfen – (AAK) e.V.

Empfehlungen zur Allergievorbeugung für (werdende) Eltern

Vortrag von Frau Sandra Deissmann, IBCLC, anlässlich des AAK Workshops "Allergie im Alltag" am 08./09.10.2016

 

Derzeit entwickeln gut 10 % aller Kinder bis zum ersten Geburtstag eine Neurodermitis. Neurodermitis und auch Nahrungsmittelallergien sind häufig der Beginn einer Allergiekarriere und Vorbote für Heuschnupfen und Asthma, die sich in der Regel zwischen dem 3. und 10. Lebensjahr manifestieren. Bei bis zu 80 % der Säuglinge, die mit einer Neurodermitis beginnen und die zusätzlich eine Nahrungsmittelallergie haben, entwickelt sich später eine allergische Atemwegserkrankung. Dabei gibt es Möglichkeiten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken: mit frühzeitiger Prävention, die am besten schon in der Schwangerschaft beginnt.


 

 

 

 


 

Zusammenfassung der Empfehlungen der S3 Leitlinien zur Allergieprävention

Die Empfehlungen zur Primärprävention von Asthma, Heuschnupfen und atopischem Ekzem gelten für Risiko- und Nicht-Risikopersonen, sofern nicht explizit unterschieden bzw. darauf hingewiesen wird und lauten wie folgt:


Mütterliche Ernährung in der Schwangerschaft und/oder Stillzeit

Während Schwangerschaft und Stillzeit wird eine ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung empfohlen. Meidung potenter Nahrungsmittelallergene während der Schwangerschaft oder Stillzeit sollen aus Gründen der Primärprävention nicht erfolgen. Es gibt Hinweise, dass Fisch in der mütterlichen Ernährung während der Schwangerschaft und oder Stillzeit einen schützenden Effekt auf die Entwicklung atopischer Erkrankungen beim Kind hat. Fisch sollte Bestandteil der mütterlichen Ernährung während der Schwangerschaft und Stillzeit sein.

 


Stillen

Stillen hat viele Vorteile für Mutter und Kind.

Die aktuelle Datenlage (ausschließlich zur Allergieprävention) unterstützt die Empfehlung, dass für den Zeitraum der ersten 4 Monate voll gestillt werden soll.

 


Muttermilchersatznahrung bei Risikokindern

Wenn nicht oder nicht ausreichend gestillt wird, soll hydrolysierte Säuglingsnahrung bei Risikokindern gegeben werden. Die aktuelle Datenlage stützt diese Empfehlung für den Zeitraum der ersten 4 Lebensmonate.

 


Einführung von Beikost und Ernährung des Kindes im 1. Lebensjahr

Die zu der Zeit in Deutschland existierende Empfehlung Beikost nach dem vollendeten 4. Lebensmonat einzuführen.

 

Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie

Im 1. Lebenshalbjahr sollen Säuglinge gestillt werden, mindestens bis zum Beginn des 5. Monats ausschließlich. Auch nach Einführung von Beikost – spätestens mit Beginn des 7. Monats – sollen Säuglinge weitergestillt werden. Wie lange insgesamt gestillt wird, bestimmen Mutter und Kind.

Auch Kinder mit erhöhtem Allergierisiko sollten entsprechend diesen Empfehlungen gestillt werden.
Grundlage der Empfehlungen.

Empfehlungen basieren auf Ergebnissen systematischer Übersichtsarbeiten zur Dauer des ausschließlichen Stillens auf einer Stellungnahme der EFSA zur Einführung der Beikost sowie auf den Empfehlungen pädiatrischer Fachgesellschaften und Fachinstitutionen. Die Empfehlungen zur Stilldauer tragen auch der individuellen Entwicklung des Kindes Rechnung.

Download PDF Handlungsempfehlungen erstes Lebensjahr.pdf

 

 

Für einen schützenden Effekt durch Meidung potenter Nahrungsmittelallergene im ersten Lebensjahr gibt es keine Belege. Sie sollte deshalb nicht erfolgen.

Für einen schützenden Effekt durch die Einführung potenter Nahrungsmittelallergen vor dem vollendeten 4. Lebensmonat gibt es derzeit keine gesicherten Belege.

Es gibt Hinweise darauf, dass Fischkonsum des Kindes im 1. Lebensjahr einen schützenden Effekt hat. Fisch sollte mit der Beikost eingeführt werden.

 


Körpergewicht

Ein erhöhter Body Mass Index (BMI) kann mit Asthma in Zusammenhang gebracht werden. Bei Kindern soll Übergewicht/Fettleibigkeit auch aus Gründen der Asthmaprävention vermieden werden.

 


Haustierhaltung

 


Hausstaubmilben

Zur Primärprävention können spezifische Maßnahmen, z.B. milbenallergendichter Matratzenüberzug (encasing) zur Reduktion der Exposition gegenüber Hausstaubmilbenallergenen nicht empfohlen werden.

 


Schimmel und Feuchtigkeit

Ein Innenraumklima, das Schimmelpilzwachstum begünstigt (hohe Luftfeuchtigkeit, mangelnde Ventilation), sollte vermieden werden.

 


Exposition gegenüber Tabakrauch

Aktive und passive Exposition gegenüber Tabakrauch erhöhen das Allergierisiko (insbesondere das Asthmarisiko) und sind zu vermeiden. Dies gilt bereits während der Schwangerschaft.

 


Innenraumluftschadstoffe

Es gibt Hinweise darauf, dass Innenraumluftschadstoffe das Risiko für atopische Erkrankungen und insbesondere Asthma erhöhen können (z.B. Formaldehyd, flüchtige organische Komponenten, wie sie besonders durch neue Möbel und bei Maler- und Renovierungsarbeiten freigesetzt werden können).
Die Exposition gegenüber Innenraumluftschadstoffen sollte gering gehalten werden.

 


Kfz-Emission

Die Exposition gegenüber Stickoxiden und kleinen Partikeln ist mit einem erhöhten Risiko, besonders für Asthma, verbunden. Die Exposition gegenüber Kraftfahrzeug-bedingten Emissionen sollte gering gehalten werden.

 


Impfungen

Es gibt keine Belege, dass Impfungen das Allergierisiko erhöhen, aber Hinweise, dass Impfungen das Allergierisiko senken können.

Es wird empfohlen, dass alle Kinder, auch Risikokinder, nach den STIKO-Empfehlungen geimpft werden sollen.

 


Kaiserschnitt

Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder die durch Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein erhöhtes Allergierisiko haben.

Dies sollte bei der Wahl des Geburtsverfahrens berücksichtigt werden, sofern keine medizinische Indikation für einen Kaiserschnitt besteht.

 


Zu den folgenden Themen wurden Stellungnahmen jedoch keine Empfehlungen formuliert:

Einfluss von Probiotika

Ein präventiver Effekt von Probiotika (Zubereitung, die lebensfähige Mikroorganismen enthält) konnte bislang nur für das atopische Ekzem dargestellt werden. Eine Empfehlung hinsichtlich konkreter Präparate, Applikationsformen und Dauer und Zeitpunkt der Gabe nicht gegeben werden.


Einfluss von Präbiotika

Ein präventiver Effekt von Präbiotika (nicht verdaubare Lebensmittelbestandteile, die ihren Wirt günstig beeinflussen, indem sie das Wachstum und/oder die Aktivität einer oder mehrerer Bakterienarten im Dickdarm gezielt anregen) konnte bislang nur für das atopische Ekzem dargestellt werden. Eine Empfehlung kann nicht gegeben werden.


Ernährung allgemein und Vitamin D

Es gibt Hinweise, dass der Konsum von Gemüse und Früchten, einer sog. mediterranen Kost sowie von Milchfett einen präventiven Effekt auf atopische Erkrankungen hat.

Bezüglich der Bedeutung von Vitamin D für die Entstehung allergischer Erkrankungen ist die Studienlage derzeit widersprüchlich. Insgesamt ist die Datenlage derzeit nicht ausreichend um eine Empfehlung zu formulieren.

Unspezifische Immunmodulation

Es gibt Belege, dass eine frühzeitige unspezifische Immunstimulation vor der Entwicklung allergischer Erkrankungen schützt. Hierzu zählen z.B. das Aufwachsen auf einem Bauernhof, der Besuch einer Kindertagesstätte in den ersten 2 Lebensjahren und eine höhere Anzahl älterer Geschwister.


Medikamente

Die beschriebenen Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Antibiotika, Paracetamol oder Acetaminophen und atopischen Erkrankungen sind aufgrund potentiell verzerrender Einflussfaktoren nicht sicher zu interpretieren. Bislang fehlt der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen entsprechender Medikamenteneinnahme und der Entwicklung von atopischen Erkrankungen.


Psychosoziale Faktoren

Es gibt Hinweise, dass ungünstige psychosoziale Faktoren (z.B. schwerwiegende Lebensereignisse) während der Schwangerschaft und Kindheit zur Manifestation von atopischen Erkrankungen beitragen können.